Auf Tuchfühlung mit Astronomischen Uhren

Auf Tuchfühlung mit Astronomischen Uhren
(Rostock/Stralsund 19. bis 22. April 2018)

Die Reise führte uns mit etwa 100 Personen des Fachkreises Turmuhren nach Rostock und Stralsund. In beiden Städten gibt es bekannte astronomische Uhren in den Gotischen Kirchen die vom Reichtum der mittelalterlichen Hansestädte zeugen (typischerweise 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts). Ähnliche Uhren gibt es noch in Lübeck, Danzig und anderen Hansestädten: Je reicher die Stadt, desto größer der Durchmesser der Kalenderscheiben und der Zifferblätter. Der wichtigste Termin im Christlichen Kalender des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen war der Ostertermin. Der Ostertermin richtet sich nämlich nach dem jüdischen Kalender (der ein Mondkalender war; aber durch Schalttage dem Meton Zyklus angepasst wurde und nach dessen Ende Mond- und Sonnenkalender wieder im Einklang sind). Ostern ist der erste Sonntag nach Äqui-Nox (21. März) und nach dem darauffolgenden Vollmond. Dieser Termin ist der einzige authentische Termin in der Bibel, da Julius Cäsar mit Einführung des Julianischen Kalenders die Zeitmessung in seinem Riesenreich, zu dem Judäa zählte, synchronisierte (und auch schriftlich festhielt).

Die erste Kirche unserer Besichtigung war die Marienkirche zu Rostock, die die älteste noch laufende und ziemlich vollständig erhaltene Kirchenuhr im Hanse-Bereich ist. Die große Kalenderscheibe, die für jeweils 133 Jahre gültig ist, wurde im Januar dieses Jahres durch eine „Vorsatz-Platte“ auf neuesten Stand gebracht. Prof. Schukowski hat dazu die Termine des im Kalender um rund einen Monat schwankenden Oster-Festes errechnet. Von Dipl. Restaurator Marcus Mannewitz aus Rostock wurden die Daten kunstvoll auf eine neue Scheibe übertragen lassen. Die Scheibe ist farblich so angepasst, dass sie aussieht wie die Vorgänger-Scheibe; zur Berechnung der Oster Termine wurde die Gauß“sche Osterformel benutzt (Gauß, der wahrscheinlich größte deutsche Mathematiker hat diese Formel erstellt – Gauß ist z.B. bekannt durch die Glockenkurve – nach ihm benannt – und auf dem alten 10 DM Schein zu sehen).

Die Rostocker sind wendige und moderne Leute: Während des Krieges wurde die Uhr eingemauert und der Küster "Bombowski“  (passender Name) hat die Britisch/Amerikanischen Brandbomben, bevor sie die Kirche in Feuer legen konnten,  unter Lebensgefahr vom Dach geworfen. Nach dem Krieg wurde die Uhr 1974 im Auftrag der Kirchengemeinde von Sankt Marien und des Denkmalamtes der Stadt Rostock restauriert und in laufenden Zustand gebracht. Die Arbeiten führte Herr Manfred Gummelt. Die Rostocker sind wendige und moderne Leute: Während des Krieges wurde die Uhr eingemauert und der Küster "Bombowski“  (passender Name) hat die Britisch / Amerikanischen Brandbomben, bevor sie die Kirche in Feuer legen konnten, unter Lebensgefahr vom Dachboden geworfen. Nach dem Krieg wurde die Uhr 1974 im Auftrag der Kirchengemeinde von Sankt Marien und des Denkmalamtes der Stadt Rostock restauriert und in laufenden Zustand gebracht. Die Arbeiten führte Herr Manfred Gummelt, Metall-Restaurator aus Berlin aus. An manchen Stellen ist zu erkennen, dass nicht in allen Fällen das richtige Material zur Verfügung stand und adäquater Ersatz gesucht wurde. Die „Uhren-Aufzieherinnen und Uhren-Aufzieher“ ziehen ehrenamtlich die Uhr im Wechsel täglich auf, es sind fünf Uhrwerke: Ein Zeit-Hauptwerk mit dem angeschlossenen astronomischen Getriebe, ein Werk für die Musik, die Spieltrommel, hier wird stündlich eine Melodie, ein Choral gespielt, ein Werk für den Apostelumlauf (täglich 12 Uhr), ein Werk für den stündlichen Glockenschlag (1 bis 12) und ein Werk für das Drehen, die Fortschaltung der Kalenderscheibe jeweils um Mitternacht. Letzteres wird einmal in der Woche aufgezogen und hat eine Waag-ähnliche Verzögerung, damit die Scheibe nicht täglich einmal mit einem ‚Ratsch“ um einen der 365 Zähne weitergedreht wird, sondern mit einer „tickenden“ Verzögerung. Die Atomzeit wird auch „händisch“ ohne Elektronik eingeführt, indem die Uhrenaufzieher, wenn sie die Uhr aufziehen, das Pendel (3 sec. Periode) so lange mit der Hand anhalten, bis die Zeit mit einem Funkwecker im Gestühl (Kosten etwa 30 €) übereistimmt.

Kompliment der Kirchenverwaltung für die Effizienz und die pragmatische Vorgehensweise.

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Für den ‚Neu-Astronomen“ (zu denen der Schreiber zählt) war interessant, dass die Kalenderscheibe und die Uhr nicht zwischen dem Julianischen und Gregorianischen Kalender unterscheidet, sondern 365 Tage hat und die Schaltjahre werden von Hand eingeschoben – Bravo!

Der Tageszeiger der Uhr geht in 24 Stunden einmal im Kreis und hat an seinen Enden noch „Schwerkraftmotoren“, die die Zeit und den Drachenzeiger bewegen (ein „Schwerkraftmotor“ besteht aus einer Achse mit Gewicht und Zeiger, sodass die jeweiligen Zeiger, der Schwerkraft folgend, ohne Zahnräder mitbewegt werden). Schon damals gab es also „Komplikationen“, die einfach mehr Komplexität aber nicht mehr Information lieferten (die Zeit kann man wahlweise auf der kleinen Schwerkraftuhr oder mittels des großen Zeigers ablesen). Natürlich bewegt sich der Mondzeiger in einem siderischen Monat (27,32 Tage) einmal und braucht dann noch etwa zwei Tage, um die Sonne wieder einzuholen (29,53 Tage; Synodischer Monat).

Die Rostocker Uhr konnten wir in ihrer Transparenz mit fünf separaten Werken von der Nähe zu bewundern, wir hatten als „Expertengruppe“ eine Sondergenehmigung von der Frau Pastorin und dem Kirchenvorstand. Den 7 Personentakt regelte unser Präsident Ekkehard Koch, der uns sachkundig das Uhrwerk erklärte und geduldig im Gestühl stand und uns verbot die Uhr zu „begrapschen“ oder die auf einem Balken stehende Ölkanne mit Pinsel in Einsatz zu bringen. Im oberen Bereich der Uhr, in der dritten Etage, wartete Herr Uhrmachermeister Helmut Langner auf uns, er hat das Figurenlaufwerk und den Antrieb für die Kalenderscheibe restauriert. Fachkundig zeigte er uns die Details der oben angebrachten drei Werke und führte das Musikwerk vor.

Die Stralsunder Uhr am nächsten Tag, in der Sankt-Nikolai-Kirche, war für Nicht-Spezialisten eine echte Herausforderung. Das Uhrwerk steht in etwa 4,5 Meter Höhe und ist das einzige Uhrwerk mit einem Holzrahmen, welches im Deutschen Kulturbereich noch erhalten ist (Ursprung um 1376).

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Das Werk, war vor Jahren mit einer Plastikplane als Staubschutz abgedeckt. Vor zwei Jahren spendete einer unserer Uhrenfreunde eine von ihm gefertigte Acrylglashaube, durch die das Uhrwerk gut zu sehen ist.



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Für uns wurde dazuhin noch extra ein Gerüst gebaut, damit wir die wenigen Zahnräder, das Zifferblatt und die Zeiger näher inspizieren konnten.

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Alle drei Zeiger, der seit 500 Jahren nicht mehr gehenden Uhr, drehen sich (im Prinzip) in etwa einem Tag. Genauer, der Sonnenzeiger (Stundenzeiger) in 24 h pro Umlauf, der Mondzeiger in 24 h 50 min, 32 sec und der Tierkreiszeiger (Tierkreisring) in 23 h, 56 min und 4 sec (Sterntag). Der Tierkreiszeiger ist als exzentrisch gelagerter Blechring, auf dem die Tierkreiszeichen aufgemalt sind, ausgebildet. Am Schnittpunkt des Tierkreisrings mit dem Stundenzeiger wird das jeweils gültige Tierkreiszeichen abgelesen. Da sich der Tierkreiszeiger gegenüber dem Sonnenzeiger pro Tag um ca. 1 Grad schneller dreht, wird sich innerhalb eines Jahres der Tierkreiszeiger gegenüber dem Stundenzeiger eine ganze Umdrehung weiterdrehen und damit alle Tierkreiszeichen nacheinander durchlaufen. (Die Raffinesse dieser Art der Anzeige ist die Tatsache, dass der Tierkreis ohne ein Rad, welches sich einmal im Jahr dreht, dargestellt wird und zwar durch die Differenz zwischen Sonnen und Sterntag).

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Der Mondzeiger ist der langsamste und bleibt deshalb gegenüber dem Sonnenzeiger jeden Tag ein Stück zurück. Nach einem Mondzyklus holt der Sonnenzeiger den Mondzeiger wieder ein (und zwar an dem jeweils gültigen Tierkreiszeichen).

Von Hand konnten wir die beiden Zeiger ehrfurchtsvoll drehen und uns Gedanken zum Durchlauf durch die Tierzeichen machen. Da die Mechanik der Uhr nur unvollständig vorhanden ist, stellt das derzeit vorhandene Uhrwerk eine größere Herausforderung zum Verständnis dar – dies spiegelt sich leider auch im Protokoll wieder -. Schön wäre es, wenn es einem Stralsunder Anhängerkreis gelungen wäre, ein Modell zu bauen, welches die Relativbewegung der verschiedenen Zeiger und Zifferblätter dokumentieren würde. Aber das kommt ja vielleicht noch in der Zukunft. Die Uhr hätte es wegen des frühen Datums der Herstellung verdient (vielleicht älteste Uhr im deutschen Sprachraum). Insgesamt war die Reise nach Rostock und Stralsund extrem interessant und „bildend“, da man ansonsten nicht so dicht an die Uhrwerke herankommt und sich stundenlang mit Freunden über die technischen Details (z.B. fehlende Räder in Stralsund) unterhalten kann.

Ekkehard Koch verdient wieder einmal das höchste Lob für eine seiner vielen profunden und gut ausgedachten Reisen, bei denen jedem Detail angemessene Beachtung geschenkt wird und bei denen (dank „Sekretariat Veronika“) alles „klappt“.

Wir freuen uns auf die nächste Reise nach Kassel mit dem neu gewählten Vorsitzenden Herrn Motschmann und ziehen dankbar aus Rostock ab.

Prof. i. R. Dr. Dietrich Haarer

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